Ch. 17 - Behind the Chapter: Warum sich Warten manchmal wie Stillstand anfühlt
Es gibt Phasen, in denen ich das Gefühl habe, meiner eigenen Arbeit vorauszulaufen. Innerlich bin ich längst an einem anderen Punkt, während im Außen noch kaum etwas davon angekommen ist. Das hat nicht unbedingt mit Ungeduld zu tun und auch nicht mit dem Wunsch, schneller voranzukommen. Eher mit der eigentümlichen Art, wie kreative Arbeit sich über Zeit verteilt. Etwas kann für mich bereits abgeschlossen, entschieden oder lebendig sein, lange bevor es für andere überhaupt sichtbar wird.
Gerade erlebe ich das besonders deutlich mit meiner Australien-Reihe. Der zweite Band liegt im Lektorat und fühlt sich für mich deshalb bereits auf eine bestimmte Weise abgeschlossen an. Natürlich wird er noch einmal zu mir zurückkommen, ich werde Anmerkungen einarbeiten, Sätze verändern und vermutlich an manchen Stellen neu über die Geschichte nachdenken. Trotzdem ist der erste große Abschnitt beendet. Ich habe das Manuskript aus der Hand gegeben, und allein dadurch hat sich mein innerer Blick bereits verschoben.
Band drei nimmt inzwischen deutlich mehr Raum ein. Die Figuren sind da, einzelne Szenen entstehen, Zusammenhänge beginnen sich zu zeigen. In meinem Kopf ist diese Geschichte längst mehr als nur eine vage Idee, obwohl sie nach außen noch überhaupt nicht existiert. Gleichzeitig kennen Leser:innen gerade einmal den ersten Band der Reihe, der erst seit wenigen Monaten veröffentlicht ist. Während ich gedanklich schon tief im nächsten Teil stecke, beginnt die Reihe für alle anderen erst langsam, einen Platz zu finden.
Diese Verschiebung zwischen Innen und Außen kenne ich nicht nur vom Schreiben. Sie zeigt sich auch in meinem Content. Ich arbeite gern im Voraus, schreibe mehrere Beiträge oder Newsletter hintereinander und plane sie für einen späteren Zeitpunkt ein. Wenn ich schließlich auf Veröffentlichung planen klicke, fühlt es sich für mich so an, als hätte ich etwas abgeschlossen und übergeben. Der Text ist fertig, die Gedanken sind formuliert, das Thema hat für mich vorerst seinen Platz gefunden.
Und danach passiert erst einmal nichts. Es gibt keine Reaktion, kein Echo, keine sichtbare Bewegung. Natürlich nicht, denn der Beitrag ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen. Trotzdem fühlt sich diese Stille manchmal unverhältnismäßig deutlich an. Während etwas für mich innerlich bereits vollendet ist, bleibt die Außenwelt davon vollkommen unberührt. Es entsteht eine Lücke zwischen dem Moment, in dem ich etwas loslasse, und dem Moment, in dem es jemand anderes überhaupt empfangen kann.
Lange habe ich dieses Gefühl falsch gedeutet. Ich hielt es für Ungeduld oder für eine übertriebene Erwartung an unmittelbare Resonanz. Vielleicht dachte ich auch, ich müsste diese Leere schneller mit dem nächsten Projekt füllen, damit sie nicht so spürbar bleibt. Inzwischen glaube ich, dass sie weniger mit fehlender Geduld zu tun hat als mit meiner Art zu arbeiten.
Ich erschaffe gern mit Vorsprung. Mein Leben, mein Alltag, meine Tage sind voll und dieser Vorsprung gibt mir Ruhe. Wenn ein Text bereits geschrieben, ein Beitrag vorbereitet oder ein Manuskript abgegeben ist, entsteht in mir Raum für das Nächste. Ich brauche dieses Gefühl, nicht permanent im selben Moment produzieren und veröffentlichen zu müssen. Erst wenn etwas eine Weile liegen darf, kann ich mich davon lösen und mich wieder einer neuen Idee zuwenden.
Der Preis dafür ist, dass mein innerer Prozess und die sichtbare Wirklichkeit nur selten zeitgleich verlaufen. Die Außenwelt kann immer nur auf das reagieren, was bereits erschienen ist. Sie kennt weder die Kapitel, die noch in meinem Dokument liegen, noch die Gedanken, die längst über einen geplanten Beitrag hinausgewachsen sind. Sie bewegt sich zwangsläufig langsamer als das, was in mir bereits entstanden ist.
Manchmal fühlt sich genau das einsam an. Nicht in dem Sinn, dass niemand da wäre, sondern weil niemand an dem Punkt sein kann, an dem ich mich innerlich schon befinde. Ich kann einen Text bereits losgelassen haben, während er für andere noch Zukunft ist. Ich kann mich emotional von einem Buch entfernt haben, obwohl seine Leser:innen ihm noch gar nicht begegnet sind. Und ich kann längst an etwas Neuem arbeiten, während das Vorherige im Außen gerade erst beginnt.
Diese zeitliche Verschiebung ist schwer sichtbar zu machen, weil von außen vor allem die Pausen auffallen. Zwischen zwei Veröffentlichungen scheint wenig zu geschehen. Zwischen einem geplanten Beitrag und seiner tatsächlichen Reaktion liegt Stille. Doch diese Stille ist nicht leer. Sie enthält all das, was bereits entstanden ist, aber noch keinen öffentlichen Ort gefunden hat.
Ich lerne deshalb, diese Phasen nicht mehr vorschnell als Stillstand zu behandeln. Sie sind weder verlorene Zeit noch ein Beweis dafür, dass etwas nicht funktioniert. Vieles befindet sich schlicht in unterschiedlichen Stadien gleichzeitig. Ein Buch wird überarbeitet, während das nächste entsteht. Ein Text wartet auf seine Veröffentlichung, während ein anderer bereits geschrieben wird.
Ich glaube, die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, dass kreative Arbeit oft erst dann als real gilt, wenn sie sichtbar wird. Solange ein Text im Entwurf liegt, ein Manuskript im Lektorat steckt oder ein Beitrag nur geplant ist, scheint er noch nicht ganz zu zählen. Dabei hat die eigentliche Arbeit längst stattgefunden. Entscheidungen wurden getroffen, Gedanken geordnet, Sätze geschrieben und etwas, das vorher nur als Möglichkeit existierte, hat Form angenommen.
Ich versuche zunehmend, diese Arbeit auch dann anzuerkennen, wenn noch niemand darauf reagiert. Nicht als Ersatz für äußere Resonanz, sondern als Erinnerung daran, dass Sichtbarkeit immer später kommt als das Erschaffen selbst. Zwischen beidem liegt zwangsläufig eine Zeit, in der ich allein weiß, was bereits da ist.
Dieses Warten fühlt sich dadurch nicht automatisch leichter an. Es bleibt manchmal merkwürdig still, besonders dann, wenn ich innerlich schon sehr weit gegangen bin. Aber ich beginne, diese Stille anders zu verstehen. Nicht als Lücke, die gefüllt werden muss, sondern als Teil des Weges zwischen dem Entstehen einer Sache und ihrem Ankommen bei anderen.
Vielleicht braucht nicht nur das Schreiben Zeit, sondern auch das Sichtbarwerden. Vielleicht darf etwas bereits wirklich sein, bevor es jemand bestätigt. Und vielleicht besteht ein Teil kreativer Arbeit genau darin, diese Verzögerung auszuhalten, ohne das, was längst entstanden ist, wieder infrage zu stellen.
Alles Liebe

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