Ch. 22 - Inner Work: Wenn die Buchbubble schwer wird und ich mich trotzdem für Leichtigkeit entscheide
In den vergangenen Monaten hat mir der Algorithmus immer wieder dieselben Geschichten gezeigt. Autor:innen, die nach Jahren der Selbstständigkeit wieder in einen Angestelltenjob zurückkehren. Selfpublisher:innen, die darüber nachdenken, das Veröffentlichen ganz aufzugeben. Bloggende, die offen davon erzählen, wie anstrengend es geworden ist, mit den Erwartungen der sozialen Medien Schritt zu halten. Zwischen all diesen Beiträgen tauchte immer wieder ein ähnlicher Gedanke auf: Die Buchwelt habe sich verändert und vieles funktioniere nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren.
Weil ich selbst Teil dieser Welt bin, haben mich diese Stimmen in letzter Zeit vermehrt beschäftigt. Vieles davon erkenne ich wieder. Hinter ihnen stehen keine Menschen, denen das Schreiben plötzlich egal geworden ist. Im Gegenteil. Meist sprechen genau diejenigen so offen darüber, die über Jahre mit großer Begeisterung Bücher geschrieben, gelesen oder begleitet haben. Wenn sich dort Erschöpfung zeigt, hat diese oft weniger mit mangelnder Leidenschaft zu tun als mit der Erfahrung, dass Leidenschaft allein nicht immer ausreicht.
Auch meine letzte Veröffentlichung ist anders verlaufen, als ich es mir gewünscht hatte. Es war nichts dramatisches, es gab keine Katastrophe und keinen Moment, in dem ich alles infrage gestellt habe. Gleichzeitig wäre es nicht ehrlich zu behaupten, ich hätte keine anderen Hoffnungen gehabt. Wer ein Buch über Monate schreibt, es überarbeitet und schließlich veröffentlicht, verbindet damit zwangsläufig Vorstellungen. Man malt sich aus, wie Leser:innen darauf reagieren könnten, welche Gespräche entstehen oder wie sich eine Reihe weiterentwickelt. Manches davon tritt ein, anderes nicht.
In solchen Momenten beginnt mein Kopf sehr schnell zu arbeiten. Er sucht nach Erklärungen, weil Erklärungen das Gefühl vermitteln, etwas kontrollieren zu können. War der Zeitpunkt ungünstig? Hätte ich anders werben müssen? Hat sich der Markt verändert? Werden Bücher heute grundsätzlich anders gefunden als noch vor einigen Jahren? Sind es Entscheidungen, die ich beeinflussen kann, oder Entwicklungen, die weit über mich hinausgehen?
Ich halte diese Fragen nicht für falsch. Sie gehören zu einer professionellen Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben dazu. Natürlich möchte ich verstehen, was funktioniert und was ich verbessern kann. Schwierig wird es erst dann, wenn aus ehrlicher Neugier eine endlose Suche nach Gewissheit wird. Denn auf viele dieser Fragen gibt es keine eindeutige Antwort. Bücher entstehen nicht unter Laborbedingungen. Jede Veröffentlichung trifft auf einen anderen Zeitpunkt, andere Leser:innen, andere gesellschaftliche Stimmungen und inzwischen auch auf Algorithmen, die sich verändern, ohne dass wir genau nachvollziehen können, wann und warum.
Ich glaube, genau darin liegt eine der größten Herausforderungen kreativer Arbeit. Wir investieren Monate oder Jahre in etwas, dessen Resonanz sich nie vollständig planen lässt. Das gilt für Bücher genauso wie für viele andere kreative Projekte. Gerade deshalb ist die Versuchung groß, jeden Rückgang von Verkaufszahlen oder Reichweite sofort als Aussage über die eigene Arbeit zu verstehen.
Inzwischen entscheide ich mich bewusst dagegen.
Nicht gegen Zahlen. Zahlen interessieren mich nach wie vor. Sie helfen mir, Entwicklungen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen. Aber ich möchte ihnen nicht die Aufgabe geben, über meinen Mut oder meine Freude am Schreiben zu entscheiden. Dafür tragen sie zu wenig von dem in sich, was während der eigentlichen Arbeit entstanden ist.
Das ist auch der Punkt, an dem sich mein Verständnis von Leichtigkeit verändert hat. Früher hätte ich darunter verstanden, möglichst unbeschwert zu sein und mich von schwierigen Gedanken nicht beeinflussen zu lassen. Heute wirkt dieses Bild auf mich fast ein wenig anstrengend. Denn natürlich nehme ich wahr, was sich verändert. Ich sehe dieselben Entwicklungen wie andere Autor:innen. Ich lese dieselben Berichte, kenne dieselben Unsicherheiten und frage mich ebenfalls, wie sich die Buchwelt in den nächsten Jahren entwickeln wird.
Leichtigkeit bedeutet für mich deshalb nicht mehr, all das auszublenden und stattdessen, mich davon nicht vollständig bestimmen zu lassen. Ich möchte mein Schreiben nicht in erster Linie als Problem betrachten, das gelöst werden muss. Nicht jeden Roman als wirtschaftliches Experiment verstehen und nicht jeden Monat danach beurteilen, ob er meine Hoffnung bestätigt oder enttäuscht hat. Das würde meinem Schreiben eine Schwere geben, die ich mit jeder Faser meines Seins ablehne.
Denn bevor Bücher zu bloßen Verkaufszahlen wurden, waren sie einmal Geschichten. Bevor ich darüber nachdachte, wie ich sie veröffentlichen oder sichtbar machen könnte, saß ich einfach an meinem Schreibtisch und wollte wissen, wie zwei Figuren miteinander sprechen würden oder warum ein bestimmter Ort sich plötzlich so lebendig anfühlte.
Diese Neugier war zuerst da. Alles andere kam später. Und ich wünsche mir, dass sie ihren Platz behält. Denn ich glaube, dass wirtschaftliche Fragen allein nicht tragen können. Wer ausschließlich für Zahlen schreibt, wird irgendwann von ihnen abhängig. Wer sie vollständig ignoriert, verliert wiederum den Blick für die Realität. Die eigentliche Aufgabe besteht vielmehr darin, beides gleichzeitig auszuhalten: die Freude an den Geschichten und den nüchternen Blick auf die Bedingungen, unter denen sie entstehen.
Dass sich die Buchwelt verändert, erscheint mir inzwischen selbstverständlich. Denn sie hat sich im Laufe der Zeit schon immer verändert. Neue Veröffentlichungswege entstehen, soziale Medien gewinnen oder verlieren an Bedeutung, Leser:innen entdecken Bücher auf andere Weise als noch vor wenigen Jahren. Manche Entwicklungen fühlen sich hilfreich an, andere machen vieles komplizierter. Auch in Zukunft wird sich immer wieder etwas verschieben.
Was dabei aber konstant bleibt, ist der eigentliche Kern. Menschen erzählen Geschichten. Andere Menschen lesen sie. Dazwischen verändern sich die Wege, auf denen beide zueinanderfinden. Aber der Wunsch, etwas zu erzählen oder sich in einer Geschichte wiederzufinden, scheint deutlich beständiger zu sein als die Systeme, die gerade darüber entscheiden, welche Bücher sichtbar werden.
Dieser Gedanke hilft mir dabei im Moment am meisten. Er löst keine Unsicherheit auf und macht den Weg nicht planbarer. Aber er erinnert mich daran, warum ich überhaupt angefangen habe zu schreiben: weil ich Geschichten erzählen wollte.
Im Augenblick lerne ich deshalb etwas, das sich ziemlich unspektakulär liest: Dranzubleiben muss sich nicht wie Kampf anfühlen. Es muss auch nicht bedeuten, sich gegen alle Zweifel zu stemmen oder besonders unbeirrbar zu sein. Manchmal besteht Durchhalten einfach darin, am nächsten Morgen wieder an den Schreibtisch zu gehen und dort weiterzumachen, wo man am Vortag aufgehört hat.
Nicht aus Trotz. Nicht, weil ich mir beweisen möchte, dass ich niemals aufgebe. Sondern weil ich noch immer neugierig darauf bin, was als Nächstes entsteht.
Am Ende ist das die Form von Leichtigkeit, die ich mir erhalten möchte. Keine, die Schwierigkeiten leugnet oder Enttäuschungen überspielt und dafür diesen Dingen ihren Platz lässt, ohne ihnen die gesamte Geschichte zu überlassen.
Alles Liebe

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