Leseprobe Zwischen Meer und Morgen
Down Under Dreams 3
Kapitel 1
Jack
Fuck! Mit einem Scheppern landete die Schubkarre auf dem Boden, als sich ein Krampf in meine linke Wade bohrte. Seit ein paar Tagen war ich endlich den verfluchten Gips los, der mich sechs Wochen lang ausgeschaltet und an die Couch gefesselt hatte.
Und ich Vollidiot hatte gedacht, sobald ich wieder ohne Handicap war, könnte ich mich direkt in die Arbeit stürzen.
Falsch gedacht.
Von dem Tag, an dem ich besagten Gips erhalten hatte, wollte ich gar nicht erst anfangen.
Ein Arbeitsunfall. Auch noch auf dem Dach der alten Scheune. Ich konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich dort oben bereits aufgehalten hatte, um es zu kontrollieren und die ein oder andere Stelle auszubessern. Schließlich war ich bereits seit über zwanzig Jahren auf dieser Farm tätig.
Dass ich weggerutscht und vom Dach gefallen war, konnte ich nur geistiger Umnachtung zuschreiben. Den wahren Grund erlaubte ich mir nicht einmal ansatzweise, auch nur zu denken. Dass sich unter der Stelle, die mir zum Verhängnis geworden war, mehrere Heuballen gestapelt hatten, die auf ihren Abtransport gewartet hatten, war meine Rettung gewesen.
So hatte nur mein Unterschenkel dran glauben müssen, als ich beim Fallen unvorteilhaft für die Knochen darauf gelandet war.
»Jack.«
Allein an Ethans Stimme erkannte ich, dass Ärger auf mich wartete.
Langsam ließ ich die Wade los, die sich anfühlte, als würde sie mir jemand mit bloßen Händen aus dem Kniegelenk drehen, und richtete mich wieder auf. Aber bloß nicht zu schnell. Das hatte ich inzwischen gelernt. Mein Körper war ein wirklich mieser Verräter. Einer, der mir bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb, dass sechs Wochen Untätigkeit sich nicht einfach beiseiteschieben ließen. Physiotherapie hin oder her.
Ethan stand ein paar Meter entfernt, die Hände in die Hüften gestemmt. Und natürlich war sein Blick auf mein Bein gerichtet. Allerdings sah er nicht wütend aus. Auch nicht besorgt. Dafür eher … entschlossen? Das gefiel mir noch weniger als die anderen Möglichkeiten.
»Was?« knurrte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte sagen sollen.
Und ja, Ethan war zwar mein Boss auf der Farm. Er war allerdings auch mein ältester Kumpel. Wenn man gemeinsam als Achtjährige gegen den Klassenpöbel Jimmy Wright antrat, weil dieser ständig die Mädchen piesackte, schweißte das einen fürs Leben zusammen.
»Was tust du da?«
Ich schnaubte. »Hat dir die Ehe und Vaterschaft die Fähigkeit geraubt, klar zu sehen?«
Ethan ging nicht auf meinen Seitenhieb ein. Stattdessen kam er langsam näher und musterte mich dabei von oben bis unten, als wäre ich ein Stück Vieh auf dem Wochenmarkt. »Du humpelst.«
»Das nennt sich einlaufen.«
»Du hast gerade die Schubkarre fallen lassen, weil dein Bein nicht mitgemacht hat.«
»Sie war schwer und ist mir aus den Händen gerutscht.«
Ethan verzog keine Miene. Das war immer ein schlechtes Zeichen. »Jack.«
Allein, wie er meinen Namen aussprach. So ruhig und bestimmt. Freund und Chef in einem Tonfall. Seit mehr als fünfunddreißig Jahren kannte ich ihn. Und ich wusste genau, wann ich verloren hatte.
»Du bist seit drei Tagen ohne Gips. Drei«, wiederholte er, als hätte ich selbst den Tag nicht im Kalender rot angestrichen. »Und seit drei Tagen tust du so, als wäre nie etwas gewesen. Nachdem dein Bein über anderthalb Monate ausgeschaltet war.«
Ich zuckte mit den Schultern und fühlte mich prompt wie der kleine bockige Jack auf dem Schulhof der Wombats-End-Primary. »War ja auch nur ein Bein.«
Sein Blick verhärtete sich. »Genau deswegen.«
Ich wollte etwas erwidern, etwas über Verantwortung, über Arbeit, über die Farm sagen, die eben nicht von allein lief. Schließlich war das meine Verantwortung als Vorarbeiter. Und Ethan hatte genug andere Dinge um die Ohren und konnte mich nicht auch noch bei meiner Arbeit babysitten.
Aber ich merkte selbst, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief, obwohl es noch nicht einmal Mittag war. Dass mein Bein inzwischen in einem dumpfen, zähen Rhythmus pochte, der mir bis in den Magen kroch und Übelkeit aufsteigen ließ, davon wollte ich gar nicht erst anfangen.
»Du fährst weg«, erklang da Ethans Stimme und riss mich aus den Gedanken.
Ich blinzelte. »Was?«
»Du fährst in den Urlaub.«
Ich schnaubte. »Guter Witz.«
»Ich meine es ernst.«
»Ich war seit ...«
»... Jahren nicht im Urlaub«, fiel er mir ins Wort. »Ich weiß. Und genau deshalb nimmst du dir jetzt eine Auszeit.«
Ich schüttelte den Kopf. Hatte Ethan etwa den Verstand verloren? »Ich kann nicht. Ich war gerade erst sechs Wochen ausgeschaltet. Die Scheune ...«
»... steht seit hundert Jahren«, erklärte er ruhig. »Und sie wird auch zwei weitere Wochen ohne dich stehen.«
Zwei Wochen.
Etwas daran fühlte sich komplett falsch an. Wie etwas, das mir nicht zustand. Urlaub war für andere. Für Menschen mit Bürojobs. Nicht für jemanden wie mich, der morgens aufstand, weil er es gar nicht abwarten konnte, sich die Hände schmutzig zu machen, und abends ins Bett fiel, zufrieden mit dem Tagewerk.
»Ethan«, begann ich.
»Jack.« Er sah mich direkt an. »Du bist mein bester Freund. Und du bist der wichtigste Mann auf dieser Farm. Aber aktuell bist du ein Risiko. Für dich und für den Rest.«
Das saß.
Ich biss die Zähne zusammen. »Und was, wenn ich nicht will?«
Er lächelte schief. Es wirkte alles andere als freundlich. »Dann sperre ich dich in deinem Haus ein und schicke Missy täglich mit Essen vorbei.«
Ich seufzte. Natürlich würde er das tun. Und schlimmer noch ... er würde es durchziehen. Wobei das Essen seiner Haushälterin wirklich lecker war.
»Wohin soll ich denn bitte fahren?«, murmelte ich schließlich resigniert. Ergab mich meinem Schicksal, denn wenn Ethan eins war, dann stur. Das hatte der Bau des Resorts auf seinem Land nur allzu deutlich gezeigt, als er sich eine Ewigkeit dagegen gesträubt hatte.
Es hatte ihm aber auch Ella in sein Leben gebracht, und mittlerweile war der Mistkerl einer der glücklichsten Menschen, die ich kannte, mit seiner kleinen Familie.
»Irgendwohin, wo du nichts reparieren kannst und es keine Kuhherden zu hüten gibt.«
Ich dachte an rotes Land, Staub, Hitze. Meine Heimat. Und merkte, wie etwas in mir zwickte.
»Ans Meer«, hörte ich mich sagen. Und war selbst überrascht, was da gerade aus meinem Mund gesprudelt war.
Ethan schien es mindestens genauso sehr. Er hob eine Augenbraue. »Echt?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Warum nicht.«
Ja, warum nicht? Vielleicht, weil das Meer alles war, was mein Leben gerade nicht war. Bewegung statt Stillstand. Rauschen statt Gedanken. Etwas, das stetig weiterfloss, egal, wie sehr man versuchte, es festzuhalten. Und weil es mich nicht tagtäglich an das erinnern würde, was ich hier zurückließ.
Zwei Tage später saß ich im Auto, das linke Bein ausgestreckt – ein Hoch auf Automatikschaltung –, und fuhr Richtung Küste.
Genauer gesagt nach Byron Bay.
Ich hatte nicht lange darüber nachgedacht. Es war einfach der erste Ort gewesen, der mir eingefallen war. Vielleicht, weil ich noch nie dort gewesen war. Vielleicht aber auch aus einem anderen Grund. Der wurde mir erst mit einem Schlag bewusst, als mir bereits salzige Luft durch das offene Fenster um die Nase wehte und das Meer zwischen den Palmen auftauchte.
Fuck.
Natürlich hatte ich mich für den Ort entschieden, an dem Sam ihre ersten Flitterwochen verbracht hatte. Mit ihrem Reality-TV-Ehemann, den sie vor laufenden Kameras geheiratet hatte.
Klang ich bitter?
Nun ja, wenn mein Unterbewusstsein sich gegen Urlaub und für Selbstgeißelung entschied, war das wohl angebracht.
Story of my life.
Mit einem tiefen Seufzen parkte ich vor dem kleinen Ferienhaus, das ich spontan online gebucht hatte. Eine Holzveranda und große Fenster begrüßten mich. Und – wie in der Anzeige versprochen – ein direkter Blick aufs Meer.
Ich starrte ein paar Sekunden lang einfach nur durch die Windschutzscheibe auf die Szenerie davor, wie gelähmt von meiner Erkenntnis. Dann lachte ich bitter auf.
»Natürlich hier«, murmelte ich vor mich hin, während sich meine Finger um das Lenkrad krallten, obwohl ich den Truck längst zum Stehen gebracht hatte. »Wo denn auch sonst?«
Wenn ich schon meinen ersten Urlaub seit Jahren machte, dann konnte ich ihn auch gleich dort verbringen, wo mir mein Pech mit der Frauenwelt jeden Tag aufs Brot geschmiert werden konnte. Normalerweise machte mir mein Singlestatus nichts aus, da er mir alle Freiheiten erlaubte, was die Arbeit auf der Farm betraf. In letzter Zeit jedoch ... es musste an meinem Alter liegen. Zweiundvierzig machte etwas mit einem Mann, der sich nie nach einer eigenen Familie gesehnt hatte, diese aber nun täglich von seinem besten Kumpel präsentiert bekam.
Mit einem Ächzen stieg ich nach der langen Fahrt aus dem Auto und wischte die Gedanken beiseite. Dann schnappte ich meine Reisetasche vom Truckbett und machte mich wie ein alter Mann an den Aufstieg der wenigen Stufen, die zur Haustür führten. Wie versprochen befand sich ein Keypad daneben. Der Zahlencode, den mir die Vermieterin per E-Mail zukommen lassen hatte, war schnell eingetippt und die Tür öffnete sich für mich.
Im Inneren hieß mich der Geruch von Holz und Salz und kein übertriebener Schnickschnack willkommen, was ich sehr begrüßte. Dafür gab es jede Menge helles Holz, weiß gekalkte Wände und große Fenster, durch die das Licht ungefiltert hereinfiel. Alles wirkte offen, luftig, und instinktiv wusste ich, dass ich hier trotz meiner unbewussten Urlaubsortwahl zur Ruhe kommen würde.
Für einen Augenblick blieb ich einfach stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Ein schmales Sofa mit grobem Leinenbezug stand vor einem niedrigen Couchtisch, auf dem ein Buch mit Bildern einer Steilküste lag. Auf einer Armlehne des Sofas befand sich eine wie achtlos drapierte, geflochtene Decke. Keine Spur von Perfektion. Eher von jemandem, der wusste, dass Menschen hierherkamen, um wirklich auszuspannen.
Rechts vom Wohnzimmer befand sich eine Küchenzeile. Auf den ersten Blick wirkte sie sauber, schlicht und funktional. Eine Schale mit Orangen und Zitronen stand auf der Arbeitsfläche. Und daneben eine handgeschriebene Karte, die sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich trat näher und nahm sie hoch, als ich meinen Namen entdeckte.
Willkommen am Meer, Jack.
Mach es dir bequem. Der Sonnenuntergang, den du von der Veranda aus sehen kannst, ist unbezahlbar.
– Susan
Daneben stand eine Flasche Weißwein, leicht kondensiert, als wäre sie extra für mich aus dem Kühlschrank genommen worden. Außerdem eine kleine Schale mit Keksen, die aussahen wie selbst gebacken. Unwillkürlich musste ich schmunzeln und fühlte mich direkt an Missy erinnert, der diese Art Gastgeschenke genauso zuzutrauen waren wie meiner Gastgeberin.
»Unbezahlbar also«, murmelte ich und stellte die Karte wieder ab. Da war ich mir nicht so sicher, aber ich hatte ja ein paar Abende, um es selbst herauszufinden.
Das Schlafzimmer war winzig, aber auch hier zeigte sich das gleiche Bild wie schon im Wohnbereich. Helles Holz dominierte den Raum, ein breites Bett mit schlichten, weißen Laken nahm fast die gesamte Breite ein. Darüber befand sich ein Fenster, das sich zur Seite schieben ließ. Dahinter ... nichts als Blau. Himmel, Meer und nur ein schmaler Streifen Strand im Vordergrund. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog. Nicht unangenehm. Eher … ungewohnt.
Ich warf die Tasche aufs Bett, zog die Schuhe aus und ließ sie dort stehen, wo ich gerade war. Barfuß fühlte sich der Holzboden kühl und angenehm unter meinen Füßen an. Als würde er mir sagen, dass ich hier langsamer gehen sollte. Vielleicht spielte mir meine Fantasie aber auch nur einen Streich.
Draußen auf der Veranda lehnte ich mich an das Geländer und sah hinaus. Das Meer glitzerte in der Nachmittagssonne, als hätte jemand flüssiges Gold darübergegossen. Lachen strömte vom Strand zu mir herauf, Stimmen vermischten sich mit dem Rauschen der Wellen und von weiter links wehte leise Musik herüber.
Tief atmete ich ein. So musste sich für andere Menschen Freiheit anfühlen.
Für mich war es eher der Fall, wenn ich auf dem Pferd die Farm abreiten konnte. Kontrollierte, dass alles mit rechten Dingen zuging und nicht irgendwo wieder ein Kalb ausgebüxt oder ein Zaun beschädigt war.
Und daher beschloss ich, dass Nachdenken heute keine Option war. Nicht, nachdem mir mein Unterbewusstsein den Streich des Jahrtausends gespielt hatte. Wenn das hier mein erster Urlaub seit Jahren war, dann würde ich ihn genauso verbringen, wie es sich gehörte. Mit einem kühlen Bier in der Hand. Oder auch zwei oder noch mehr.
Ich wandte mich vom Meer ab, schlüpfte im Schlafzimmer zurück in die Schuhe und griff nach den Autoschlüsseln, froh, für den Rest des Tages so etwas wie einen Plan zu haben, der mich vom Grübeln abhalten würde.
Und es dauerte auch nicht lange, nachdem ich zurück im Auto saß, da tauchte bereits die erste Bar auf. Beim Eintreten wurde mir bewusst, dass sie genau das war, was ich mir vorgestellt hatte. Etwas Lockeres, die großen Glastüren weit geöffnet, sodass die Brise ungehindert hineinströmen konnte, erfüllt mit entspannter Reggaemusik und Stimmen. Und genug Alkohol hinter der Bar, um sämtliche Erinnerungen und Reue leiser zu drehen.
Zum Glück war es nicht weit zurück zum Ferienhaus. So konnte ich den Truck ohne schlechtes Gewissen am Ende des Abends hier stehen lassen und morgen in aller Ruhe wieder abholen.
Also setzte ich mich an den Tresen, bestellte ein Bier und sah mich um. Nahm die Gespräche um mich herum wahr, ohne mit jemandem Blickkontakt aufzunehmen und Gefahr zu laufen, selbst in eine Unterhaltung verwickelt zu werden. Bestellte ein zweites Bier und dazu einen Whiskey, denn wann konnte man das schließlich schon tun, wenn nicht im Urlaub?
Und als ich gerade den Whiskey ansetzte, spürte ich es. Wie sich irgendetwas verschob. Im Raum, in der Atmosphäre. Ich hatte keine Ahnung, was und wo. Nur, dass die Geräusche um mich herum für einen winzigen Moment leiser wurden.
Ich hob den Blick. Und dort stand sie. Mit vom Wind verwehten Haaren, die im Licht der Barbeleuchtung kupferfarben glänzten. Sie trug ein hellgrünes Kleid mit weißen Blumen, das so lose an ihr bis zu den Knien herabfiel, dass es niemals hätte sexy wirken dürfen, und es trotzdem tat. Braungebrannte, ellenlange Beine endeten in flachen Sandalen. Ihre Lippen zierte ein Schmunzeln, das erahnen ließ, dass sie etwas wusste, was die anderen nicht taten, und sie sich köstlich darüber amüsierte.
Etwas in mir wurde plötzlich ganz still und jeder Gedanke ans Betrinken war vergessen.
In diesem Augenblick bemerkte sie, wie ich sie ansah. Blickte zurück, ohne zu zögern. Und ich hätte schwören können, dass ich Neugier in ihren Augen aufblitzen sah.
Sie kam näher, ohne von meinem Gesicht wegzusehen, und stellte sich neben mich an den Tresen. Sie hatte schlechte Idee förmlich in ihr Gesicht gebrannt, als ich beim näheren Betrachten feststellen musste, dass sie deutlich jünger war, als es auf den ersten Blick quer durch die Bar den Anschein gemacht hatte.
»Ist der gut?«, fragte sie und deutete auf meinen Whiskey, den ich noch immer in der Hand hielt, ohne auch nur einen Schluck davon genommen zu haben.
Tu es nicht, Mate.
Ich räusperte mich. »Kommt darauf an, wovor man wegläuft.«
Ein schiefes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Dann nehme ich auch einen.«
Und da wusste ich, dass das hier nicht gut enden würde.
Zwischen Meer und Morgen ist ab 23.10.2026 überall erhältlich.